Der E-Commerce im April

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Ein wenig pressiert hat’s schon: Noch bevor der April richtig loslegen konnte, musste eine Meldung noch schnell auf den Weg gebracht werden. Spät am 31. März und gerade noch rechtzeitig, um nicht als Aprilscherz fehlinterpretiert zu werden, meldete die Metro-Tochter real,- die Übernahme von Hitmeister. Der Kölner Online-Marktplatz, der zuletzt mit deutlich größerem Sortiment auf Erfolgskurs war, wird eine zentrale Rolle in der weiteren Digitalisierung des Geschäfts von real,- spielen, heißt es dazu aus Düsseldorf. Von rheinischer Rivalität zwischen dem Handelsgiganten und dem Online-Senkrechtstarter also keine Spur. Wie genau die Rolle von Hitmeister aussehen wird und was real,- bzw. Metro die Übernahme wert war, wurde nicht verraten. Mit Unterstützung der sehr potenten Mutter dürfte mit Hitmeister in Zukunft verstärkt zu rechnen sein (http://tinyurl.com/jdsryar).

Amazon verdient gut in der Wolke

Und sie dreht sich doch: Mit der Präsentation der Amazon-Bilanz für das im März beendete erste Geschäftsquartal verstummte die Kritik an den traditionell niedrigen Margen des E-Commerce-Marktführers. Bei überraschend starken 29,1 Milliarden US-Dollar Umsatz (+ 28 Prozent) wurden fast 1,1 Milliarden Dollar operativ verdient (Vorjahr: 255 Mio. Dollar). Netto vermeldet Amazon 513 Millionen Dollar Gewinn, wo vor einem Jahr noch 57 Millionen Dollar Verlust verbucht wurden. Und was hat sich verändert? Im Grunde nicht viel. Denn cloud-586146_1280bezeichnenderweise war nicht das Retail-Kerngeschäft für die positive Entwicklung verantwortlich. Stattdessen geht die Rechnung in der Cloud endlich auf. Seit Jahren und als einer der ersten Tech-Konzerne hat Amazon massiv in die Cloud-Technologie investiert und bietet heute unter dem Schlagwort Amazon Web Services (AWS) eine Vielzahl von IT-Dienstleistungen an. Mit einem Umsatzplus von 64 Prozent auf fast 2,6 Milliarden Dollar scheint der Cloud-Knoten endlich geplatzt. Die Sparte präsentiert sich hochrentabel und steuerte bei einem Umsatzanteil von lediglich zehn Prozent mit 604 Millionen Dollar mehr als die Hälfte des operativen Ergebnisses bei. Um noch einmal auf das Kerngeschäft und die weiterhin unveränderte Bezos-Strategie von Wachstum durch Investition zurückzukommen: Der operative Cash-Flow erreichte im Quartal 11,3 Milliarden Dollar und lag damit nochmals um 44 Prozent höher als ein Jahr zuvor – also im Grunde alles wie immer in Seattle (http://tinyurl.com/zsdpb3r).

Amazons operativer Cash-Flow bei 11,3 Mrd. Dollar

Natürlich war Amazon auch abseits der Zahlen das beherrschende Branchenthema im April. So ließ sich der Marktführer zum Monatsanfang ungewöhnlich tief in die Karten schauen. In einem Aktionärsbrief verriet Amazon-Boss Jeff Bezos, dass es inzwischen über 70.000 Marketplace-Händler gibt, die mehr als 100.000 US-Dollar Jahresumsatz auf der Plattform schreiben. Der Marketplace sei somit auch ein wahrer Jobmotor, da die erfolgreichen Händler über 600.000 neue Stellen geschaffen hätten (http://tinyurl.com/godnkgd). Ein wichtiger Erfolgsfaktor in dieser Geschichte ist laut Bezos das Angebot Fulfillment by Amazon (FBA), bei dem Amazon einzelne Dienstleistungen oder die gesamte Bestellabwicklung für den Marketplace-Partner übernimmt. Der Service wird offensiv beworben und gilt als stabile Cash Cow im Amazon-Verbund. Mit neuen Preisen für den Versand aus deutschen Lagern sollen die Handelspartner daher zur Nutzung von Verteilzentren in anderen europäischen Ländern bewegt werden. Wer weiterhin aus Deutschland versenden will, soll zukünftig 25 Cent pro Einheit mehr für den Service zahlen, als beim Versand aus Polen oder der Tschechischen Republik fällig werden. Inwieweit hier nicht nur die Gewinnmaximierung, sondern auch der anhaltende Tarifkonflikt mit Verdi die Strategie beeinflusst, wurde nicht verraten. Vor dem schnellen Wechsel sollten Marketplace-Händler aber genau durchrechnen, was sie tatsächlich günstiger kommt. Wie Amazon selbst warnt, sind beim Versand aus dem Ausland eventuell umsatzsteuerrechtliche Regelungen der verschiedenen Länder zu berücksichtigen (http://tinyurl.com/gpxqgll).

50 Prozent der Deutschen kaufen bei Amazon

So oder so kommt an Amazon kaum ein Online-Händler vorbei. Weshalb das so ist, zeigte im April die Allensbacher Computer- und Technikanalyse. Denn bei der Reichweite macht dem Marktführer so schninfografik_4715_die_populaersten_onlineshops_in_deutschland_nell niemand etwas vor. Über 50 Prozent der Deutschen haben laut den Ergebnissen des renommierten Meinungsforschers schon einmal bei Amazon.de eingekauft. Ein Wert, der für die Konkurrenz unerreichbar scheint. Modehändler Zalando belegt einen bemerkenswerten zweiten Platz, kommt aber nur auf 18,8 Prozent. Otto.de als Drittplatzierter dürfte in den Zeiten vor dem Internet auf höhere Raten gekommen sein, erreicht aktuell aber immerhin noch 13,2 Prozent der deutschen Bevölkerung (http://tinyurl.com/zkygt36).

Und ein neues Geschäftsfeld hat Amazon im April auch gleich aufgetan. Erstmals wurde in New York ein Servicevertrag über die Lieferung von Schulbüchern im E-Book-Format unterzeichnet. Über die kommenden drei Jahre wird Amazon den größten Schuldistrikt der USA mit digitalen Inhalten im Wert von insgesamt 30 Millionen US-Dollar versorgen. Die öffentliche Hand verspricht sich Einsparungen bei der Beschaffung sowie in der Lagerhaltung und im Bibliothekswesen. An den 1.800 öffentlichen Schulen New Yorks werden rund 1,1 Millionen Schüler unterrichtet. Der Vertrag enthält eine Option für weitere zwei Jahre, die Amazon zusätzliche 34,5 Millionen Dollar einbringen würde. Richtig lohnenswert würde es aber wohl erst werden, wenn das Pilotprojekt Nachahmer in anderen Schuldistrikten finden würde (http://tinyurl.com/gp8kz42).

Prime Video verbotenes Kopplungsangebot?

Immer wieder provoziert Amazon aber auch Widerstand. So beklagt aktuell ProSiebenSat.1, dass es sich beim ins Prime-Abonnement integrierten Video-on-Demand-Service Prime Video um ein unzulässiges Kopplungsangebot handele. Der Medienkonzern sei in der Angelegenheit auch schon beim Bundeskartellamt vorstellig geworden, berichtet das „Handelsblatt“. Eine offizielle Beschwerde wurde aber noch nicht initiiert. ProSiebenSat.1 betreibt mit Maxdome eine der größen Online-Videotheken des Landes. Anders als Prime Video muss Maxdome aber Geld verdienen. Während Amazon Prime Video als Bestandteil des Prime-Abonnements zur Kundenbindung einsetzt, und dabei konkurrenzlos günstige Preise bietet, kann der Wettbewerb sich eine solche Quersubventionierung nicht erlauben. Ein Problem, das übrigens auch Streaming-Shootingstar Netflix betrifft (http://tinyurl.com/j9et3f4).

Vor Gericht trafen sich erneut Amazon.de und Verdi. Im April untersagte das Verwaltungsgericht Augsburg dem Online-Kaufhaus die Sonntagsarbeit auch in der geschäftigen Weihnachtsphase. Weil das Weihnachtsgeschäft planbar sei, läge kein Grund für eine Abweichung vom generellen Beschäftigungsverbot am Sonntag vor, so das Urteil. Für Amazon ist das Weihnachtsgeschäft alljährlich Crunch-Time. Gerade zum Fest spielt der bequeme Online-Einkauf seine Vorteile aus. Amazon.de begegnet den hohen Anforderungen mit einem wahren Heer an Saisonkräften – aus dem heraus alljährlich auch zahlreiche feste Mitarbeiter rekrutiert werden – und u.a. Arbeit am Sonntag. Für Weihnachten 2016 müssen nun andere Lösungen her (http://tinyurl.com/jpjfjaz).

home24

Home24 wird stationär

Glücklicherweise endet die E-Commerce-Welt aber nicht am Amazon-Horizont. Neues Terrain betritt etwa Home24. In Berlin will der Online-Möbelhändler im stationären Bereich manifestieren. Als Showroom und  Outlet-Store werden seit Mitte April auf mehr als 1.000 Quadratmetern Verkaufsfläche die Angebote präsentiert. Im Möbelbusiness wird normalerweise mit ganz anderen Flächen gerechnet. Ein Nachteil in der Präsentation, den Home24 mit einem stetigen Wechsel der Ausstellung ausgleichen möchte. „Unser Fokus bleibt natürlich der Online-Handel, aber unser neues Outlet bietet eine gute Möglichkeit, Produkte anzubieten, die beispielsweise marginale Fehler aufweisen. Wir sind ein Berliner Unternehmen – daher war für uns klar, dass unser erstes Outlet in der Hauptstadt beheimatet sein wird. Wir wollen unseren Berliner Kunden damit ein besonderes Highlight bieten”, erklärte Home24-Vorstand Philipp Kreibohm (http://tinyurl.com/jnw4942). Den umgekehrten Weg will künftig Ikea stärker beschreiten und digital tiefere Spuren hinterlassen. Auch bei den Schweden heißt das Zauberwort Multichannel. Online und offline sollen enger verzahnt werden, um stationäre Stärke und digitales Wachstum unter einen Hut zu bringen (http://tinyurl.com/jtwsamh).

Aus verschiedenen Quellen sorgte der Markt zudem für Erfolgsmeldungen. Als Erfolgsmodell von wachsender Bedeutung entpuppt sich etwa Google Shopping. Eine aktuelle Analyse attestiert dem Marktplatz eine hohe Relevanz bei Online-Händlern. Marketing-Spezialist Sidecar hat im ersten Quartal ein Umsatzplus von 52 Prozent für den US-Online-Handel mit Product Listing Ads gemessen.  Besonders bei mobilen Käufern war Google Shopping demnach zum Jahresstart beliebt (http://tinyurl.com/hnw92y9).

Google Shopping wird wichtiger

Apropos mobiles Einkaufen: der M-Commerce erfreut sich steigender Beliebtheit. Dass mit dem Smartphone aber auch im stationären Handel, bei Dienstleistern und mitunter selbst bei Behörden bezahlt werden kann, das M-Payment, erschließt sich noch nicht allen Konsumenten. Wie der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) herausgefunden hat, sind zwei Faktoren maßgeblich. 37 Prozent der Nutzer zahlen demnach aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht mit dem Smartphone, 36 Prozent kennen das Verfahren überhaupt nicht (http://tinyurl.com/htroqw2).

germany-688831_1280Über den physischen Teil des digitalen Geschäfts äußerte sich zuletzt Deutsche-Post-Chef Frank Appel. Der „Wirtschaftswoche“ stand Appel Rede und Antwort. Darin kommentierte er auch das Vordringen Amazons in den Paketversand. Berichte über massive Investitionen des E-Commerce-Marktführer in eine eigene Versandlogistik begleiten den Markt seit Monaten. Mit den verschiedenen Initiativen positioniert sich Amazon gegen seine wichtigsten Partner, Versandunternehmen wie DHL, Hermes oder auch UPS. Für Appel alles kein Anlass zur Nervosität. Wenig hält der Post-Chef etwa von der Geschwindigkeitsdebatte in der Same-Day-Delivery. Auch DHL sei in deutschen Metropolen heute schon in der Lage binnen 90 Minuten auszuliefern. „Aber die Nachfrage ist gering, das ist ein Nischenmarkt“, so Appel. Dass weitere Attacken das eigene Geschäftsmodell gefährden könnten, glaubt Appel nicht: „In München hat Amazon jetzt ein Lager gebaut und liefert Pakete aus. Was machen die dort anders als wir? Nichts! In der Zustellung gibt es keine Disruption“, so der Post-Chef im „Wirtschaftswoche“-Interview http://tinyurl.com/henrr98).

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