Der E-Commerce im Juli

Der Juli ist Ferienzeit und deutschlandweit freuen sich Schüler und Eltern auf einige freie Tage und ein stabiles Sommerhoch. Das E-Commerce-Business kennt allerdings keine Pause und die Betriebstemperatur erreicht auch im verregneten deutschen Hochsommer ihr Maximum. Von Sommerloch also weit und breit keine Spur. Ganz im Gegenteil. Im Juli fanden wichtige Weichenstellungen statt, von denen unser Monatsrückblick berichtet.

UNISTER_Barfussgaesschen_160224_kleinEin echtes E-Commerce-Beben löste der plötzliche Tod von Unister-Chef Thomas Wagner aus. Mitte Juli war der mit seinen Unternehmen in Bedrängnis geratene Selfmade-Man bei einem Flugabsturz in Slowenien ums Leben gekommen (http://tinyurl.com/gvttn6d). Offenbar hatte sich Wagner zuvor in Italien mit potentiellen Investoren getroffen. Ob Wagner die wenige Tage später folgende Insolvenz der Unister-Gruppe hätte abwenden können, ist indes Spekulation. Mit der Unister-Gruppe steht jedenfalls ein Big-Player des deutschen E-Commerce am Abgrund. Während die Mutter den wenigsten  Konsumenten ein Begriff sein dürfte, genießen die großen Unister-Marken wie Fluege.de oder ab-in-den-urlaub.de – mit den populären Fußball-Testimonials Reiner Calmund und Michael Ballack – eine große Bekanntheit. Bei einem Kassenstand von 0 und 39 Millionen Euro an Verbindlichkeiten war die Insolvenz dann aber nur logisch. Mit über  1.000 Beschäftigten ist die Unister-Pleite zudem ein schwerer Schlag für den ostdeutschen Tech-Standort Leipzig (http://tinyurl.com/z5p2j68).

infografik_5332_weltweiter_smartwatch_absatz_nDas andere Ende der Skala definiert Apple. Allerdings ist auch in Cupertino längst nicht mehr alles Gold, was glänzt. Die jüngsten Unternehmenszahlen weisen in eine möglicherweise unruhigere Zukunft. Das zweite Quartal in Folge wurden weniger iPhones verkauft. Setzt sich dieser Trend fort, könnte es für CEO Tim Cook turbulent werden. Natürlich wies Cook gleich auf die großen Erfolge hin. Immerhin wurden seit Marktstart 2007 über eine Milliarde Apple-Smartphones verkauft. Über das Absatzminus von 15 Prozent im zurückliegenden Quartal kann das aber jedoch nicht hinwegtrösten (http://tinyurl.com/hrahspn). Und ein weitere Schuh drückt: Seit dem Tod von Apple-Gründer Steve Jobs lässt die kalifornische Tech-Ikone die frühere Innovationskraft vermissen. Die Gerüchteküche weiß immer mal wieder von einem TV-Gerät aus Apple-Produktion zu berichten und hält auch ein iCar für möglich, materialisiert haben sich diese möglichen Produktinnovationen bislang aber nicht. Und die bis dato letzte große Produkteinführung will nicht so recht zünden. Um zuletzt 55 Prozent sollen die Verkaufszahlen der Apple Watch in den vergangenen Monaten eingebrochen sein. Damit führt Apple das Marktsegment Smart-Watch zwar weiterhin komfortabel an, der üblichen Verkaufsentwicklung eines Apple-Premiumprodukts entspricht diese Kurve allerdings nicht (http://tinyurl.com/gvquqnr).

Wichtige Neuerungen diktierte im Juli der Gesetzgeber dem E-Commerce-Markt. Zum 2old-radio-1255210_19204. Juli trat  die Rücknahmepflicht für Elektroaltgeräte in Kraft. Seither müssen größere Online-Händler, die Unterhaltungselektronik oder Haushaltselektronik verkaufen, bei Neukauf eines entsprechenden Produkts Altgeräte kostenlos zurücknehmen und dem Recyclingkreislauf zuführen – und das gänzlich unabhängig davon, wo das Altgerät gekauft wurde. Was zu beachten ist: http://tinyurl.com/hfrmq7y.

Für Weiße-Ware-Spezialist AO.com offenbar der perfekte Zeitpunkt, um in das Geschäft mit Unterhaltungselektronik einzusteigen. Der britischer E-Commerce-Aufsteiger will das im heimischen Store bereits erhältliche UE-Sortiment rund um TV, Set-Top-Box und Co. noch im laufenden Geschäftsjahr (endet am 31. März 2017) auch im deutschen Store ausrollen (http://tinyurl.com/j7ro8yt). Wichtig wird für AO.com in der neuen Produktkategorie dabei dann auch die Energieeffizienzklasse. Mitnichten nur für Glühbirnen, Kühlschränke und Waschmaschinen muss die Energieeffizienz ausgewiesen werden, unter anderem auch Fernsehgeräte, Backöfen und Staubsauger sind zu kennzeichnen (http://tinyurl.com/h66xe44).

Die umfangreichen Kennzeichungspflichten, die für den Online-Handel immer auch bürokratischen Aufwand und somit Kosten bedeuten, werden AO.com aber wohl kaum dazu bringen, die Firmenzentrale auf den Kontinent zu verlegen. Zahlreiche britische Start-ups indes eu-1473823_1280liebäugeln nach der Brexit-Entscheidung mit dem Umzug aufs Festland. Besonders im Fokus steht dabei offenbar das deutsche Start-up-Biotop Berlin. Übere Hunderte Anfragen von der Insel wird berichtet. Insbesondere die Fintech-Branche scheint von der Hauptstadt angetan. Neben Frankfurt a.M., das vom Umzug wichtiger Geldinstitute profitieren könnte, wäre Berlin somit der zweite große Brexit-Gewinner unter den deutschen Wirtschaftsstandorten (http://tinyurl.com/hxv4ws3).

Gute Nachrichten für den Spielwarenhandel kommen aus dem dänischen Billund. Auf Druck des Bundeskartellamts wird Lego dem Online-Handel in Zukunft die gleichen Rabatte wie seinen stationären Partnern gewähren. Im Hochpreissegment Spielware könnten die Preise durch diese Entscheidung in den kommenden Monaten in Bewegung geraten. Vor allem in Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft eine sicherlich interessante Entwicklung (http://tinyurl.com/jkwwcbl).

Zumindest im Spielwarenhandel dürfte die Stimmung also weiterhin gut sein. Dabei neigt der Online-Handel generell nicht zur Melancholie. Wie Shopsoftware-Anbieter Plentymarkets mit dem E-Commerce-Geschäftsklimaindex nachweist, ist der gemeine Online-Händler in Hinblick auf das eigene Geschäft grundlegend optimistisch. Die Stimmung ist demnach besser als zum gleichen Vorjahreszeitpunkt, allerdings leicht schlechter als noch im April 2016. Generell schätzt der Online-Handel die eigenen Situation als „gut“ ein und bleibt somit positiv gestimmt. Das mag natürlich auch daran liegen, dass der Deutsche ausgesprochen gerne online einkauft. Wie immer mit leichter Verzögerung hat das Statistische Bundesamt interessante Zahlen zum Online-Einkauf in Deutschland veröffentlicht. Demnach haben im Jahr 2015 bereits 47 Millionen Deutsche im Netz eingekauft. Zum Vergleich: 2010 waren es erst 39 Millionen Menschen. 64 % der Online-Shopper bezogen Kleidung und Sportartikel. Jeder Zweite (49 %) bestellte Möbel, Spielzeug oder andere Gebrauchsgüter online. Ebenfalls sehr verbreitet war der Online-Kauf von Büchern, Magazinen oder Zeitungen (42 %), von Eintrittskarten für Veranstaltungen (39 %) sowie von Filmen und Musik (33 %). 41 % buchten Urlaubsunterkünfte und 31 % andere Dienstleistungen für Urlaubsreisen (zum Beispiel Fahrkarten oder Mietwagen) online. Mehr als jeder Vierte (28 %) bestellte Arzneimittel übers Internet, so die amtliche Statistik (http://tinyurl.com/zhmkret).package-1511683_1280

Weiter befeuert wird der Trend zum Online-Einkauf von neuen Serviceangeboten und einer immer breiteren Produktpalette. Eine für berufstätige Shopper wichtige Nachricht hatte DHL  im Juli zu melden. Künftig können sich auch Kunden im ländlichen Raum für die Abendzustellung zwischen 18 und 21 Uhr entscheiden. „Kein anderer Paketdienstleister in Deutschland bietet ein vergleichbares Servicespektrum in diesem Umfang“, so DHL. „Als Marktführer im deutschen Paketgeschäft ist es unser Ziel, unsere Services in allen Regionen des Landes anzubieten und den Menschen damit das Leben zu erleichtern. Mit der Einführung einer bundesweiten Abendzustellung setzen wir daher neue Maßstäbe für zeitlich flexiblen Paketempfang“, sagte Achim Dünnwald, CEO DHL Paket (http://tinyurl.com/juxxdot).

Und Amazon? Der Marktführer feierte im Juli eine ganze Reihe kleinerer und größerer Erfolge. Die beste Nachricht lieferte der Amazon-Boss zum Monatsende gleich selbst. Als Bezos am 28. Juli die Geschäftszahlen für das zweite Geschäftsquartal präsentierte, konnte er einen neuen Rekordgewinn vermelden. Bei einem Umsatzplus von 31 Prozent auf 30,4 Milliarden US-Dollar verbuchte Amazon einen Nettogewinn von 897 Millionen Dollar. Mehr hat der Konzern noch nie in einem einzelnen Quartal verdient. Nur zum Vergleich: Das Vorjahresquartal beendete der E-Commerce-Hegemon mit vergleichsweise bescheidenen 92 Millionen Dollar Nettogewinn. Was war passiert? Als echte Cash-Cow erweisen sich immer mehr die digitalen Angebote und Dienstleistungen Amazons. Zwar legt auch der physische Warenverkauf um rund 23,5 Prozent zu, die Einnahmen aus dem Digitalgeschäft um das Kernangebot Amazon Web Services (AWS) kletterten parallel allerdings um annähernd 53 Prozent. Der Löwenanteil der Einnahmen entfielen somit weiterhin auf das klassische Business, das 69 Prozent vom Umsatz ausmachte, der Anteil der digitalen Services erreichte im abgelaufenen Quartal allerdings schon rund 31 Prozent. Im Vorjahr belief sich die Verteilung auf noch 74 klassisch zu 26 digital (http://tinyurl.com/hlqsbue).

Dabei drückte ein wichtiger Meilenstein dem Geschäft seinen Stempel auf. So intensivierte Amazon in den vergangamazon-prime-day-2016-infographic_USAenen Monaten die Geschäftstätigkeit im Wachstumsmarkt Indien. Seit kurzem kann auch die stark wachsende indische IT-Wirtschaft das AWS-Angebot nutzen. Darüber hinaus umgarnt Amazon auch die Konsumenten auf dem Subkontinent und führte das Prime-Abonnement mit kostenlosem Versand ein. Die digitalen Abo-Komponenten wie Prime Video sollen in Kürze folgen.

Und damit es auch in der kommenden Bilanz wieder von links unten nach rechts oben geht, wurde weiter stark am Preisimage gefeilt. Sichtbare Spuren dürfte etwa der zweite Prime-Day hinterlassen. Amazon selbst bilanzierte unmittelbar nach der öffentlichkeitswirksamen Verkaufsaktion den bis dato umsatzstärksten Tag der Unternehmensgeschichte. Insbesondere in Bezug auf die eigenen Hardwareangebote der Fire- und Kindle-Produktreihen war der Prime-Day ein durchschlagender Erfolg. Im Vergleich zum Vorjahr sei der globale Umsatz um 60 Prozent und die Einnahmen in den USA um 50 Prozent angestiegen, meldete Amazon (http://tinyurl.com/h3ewxju).

Etwas weiter in die Zukunft schielt ein neues Patent des E-Commerce-Giganten aus Seattle. Offenbar um die Retourenquote im lukrativen, aber service-intensiven Bekleidungsgeschäft zu reduzieren, will Amazon mit einer 3D-Lösung die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass nur noch passgenaue Kleidung verschickt wird. Künftig könnte Amazon die Kundenmaße in einem 3D-Modell speichern und somit einen bessern Abgleich zwischen Schnitt und Passform erreichen. Denn nach wie vor geht Kleidung zu oft retour – und das zumeist, weil die Größe nicht stimmt. Im Marktduell mit Herausforderern wie Zalando könnte Amazon mit einer solchen Technologie einen echten Vorteil erringen (http://tinyurl.com/z7lys35).screen

Im Heimatmarkt hat der Marktführer indes schon die nächste Evolutionsstufe erklommen. Wie auch hierzulande üblich, stellt Amazon.com den eigenen Preis häufig der unverbindlichen Preisempfehlung oder dem Listenpreis gegenüber. In den USA fällt dieser Vergleich aber immer häufiger weg. Während auch rechtliche Probleme ursächlich seinen könnten, sehen Marktbeobachter in diesem Schritt eine grundlegend neue Herangehensweise Amazons. Offenbar ist sich der Marktführer in den USA der eigenen Stellung so sicher, dass auf eine offensive Preisstellung verzichtet werden kann. Weil die Kundschaft sowieso bei Amazon einkauft und dabei vom Preis-Leistungsverhältnis überzeugt ist, kann auf eine plakative Niedrigpreisstrategie verzichtet werden. Unklar ist nur noch, ob es sich um einen Testballon handelt (http://tinyurl.com/zkfuuke).

Hoch aufgestiegen ist bereits das B2B-Geschäft unter dem Markennamen Amazon Business. Der Umsatzanteil am Gesamtgeschäft bleibt noch überschaubar, mit Einnahmen von mehr als einer Milliarde US-Dollar aus den vergangenen zwölf Monaten ist Amazon Business aber schnell zu einem starken Standbein gewachsen (http://tinyurl.com/zl2qh3s).

Generell froh gestimmt ist der deutsche Handel. Wie das Statistische Bundesamt zum Monatsende mitteilte, setzte der deutsche Einzelhandel im ersten Halbjahr 2016 inflationsbereinigt 2,3 Prozent mehr um als in den ersten sechs Monaten des Vorjahres. Der Handelsverband Deutschland (HDE) kommentierte: „Wir sipedestrian-zone-347468_1280nd mit der Halbjahresbilanz zufrieden.“ Die gute Lage am Arbeitsmarkt sowie die niedrige Inflationsrate sorgten laut HDE dafür, dass die deutschen Verbraucher mehr Euro in den Konsum stecken konnten. Und der Ausblick bleiben gut: Bis Jahresende soll der Handelsumsatz in Deutschland um zwei Prozent auf 481,1 Milliarden Euro anwachsen (http://tinyurl.com/z289wvf).

Beste Aussichten meldet zudem die Google-Mutter Alphabet aus Mountain View, Kalifornien. Das zweite Geschäftsquartal wurde bei 21,5 Milliarden US-Dollar Umsatz mit einem satten Plus von 21 Prozent über Vorjahr beendet. Der  Gewinn erreichte im Berichtszeitraum 4,9 Milliarden Dollar (+ 24 Prozent). Neben der Cash-Cow Adwords entwickelte sich auch das Video-Netzwerk YouTube weiterhin sehr gut (http://tinyurl.com/h65n84k).

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